25.09.2017 15:02

Nachlese des Round Tables über Za'atari

Erneut sehr gut besucht war unser Round Table zum Thema „Der Traum vom selbstbestimmten Leben" am 19.September.

Rund 20 Besucherinnen hörten die Vorträge unserer Referentinnen und UN Women Nationalkomitee Österreich Mitarbeiterinnen Tina Fadler, Lena Pieber, Johanna Kostenzer, Lilly Sucharipa und Franziska Temper, die über ihre im April dieses Jahres selbstfinanzierte Reise ins jordanische Flüchtlingslager Za'atari berichteten.

Die Moderation des Abends übernahm Mag.a Lilli Gneisz, ebenfalls UN WOMEN Nationalkomitee Österreich Mitarbeiterin, die die Reise auch mitmachte und über den Beginn der Kooperation mit Za'atari erzählte.

Johanna Kostenzer, PhD, bot den Teilnehmerinnen am Round Table einen allgemeinen Überblick über das Lager und verwies gleich zu Beginn ihrer Ausführungen auf die enorme Größe des Camps, in dem momentan rund 80.000 Menschen, der Großteil unter 24 Jahren, leben. Za'atari, größtes syrisches Flüchtlingslager in Jordanien (und gleichzeitig die viertgrößte Stadt des Landes) mit einer Ausdehnung von mittlerweile rund 5 Quadratkilometern und 12 Bezirken mit Straßennamen und Adressen, wurde 2012 ursprünglich für 100 syrische Flüchtlingsfamilien gegründet. Kostenzer betonte das Grundkonzept des Lagers, so wie es auch von Kilian Kleinschmid, UNHCR Mitarbeiter und langjähriger Leiter des Camps, konzipiert wurde: der Fokus liegt auf Selbstständigkeit und Empowerment.

MMAg.a Tina Fadler erörterte in ihrem Vortrag die Programme von UN Women im Camp, die ganz dem Motto „Selbstständigkeit und Empowerment" folgen. Herzstück der Kampagne von UN WOMEN bildet dabei das „Cash for Work" Programm, welches Frauen zur Zeit nicht nur drei „sichere Oasen" (Save Spaces) zur Verfügung stellt, sondern wo syrische Flüchtlingsfrauen berufliche Fähigkeiten und Qualifikationen mit auf den Weg bekommen. Rund 2.500 Frauen besuchen im Schnitt monatlich die Oasen von UN WOMEN und produzieren dort Schmuck, Teppiche, Mosaike oder Babytaschen. Neben Erwerbsmöglichkeiten werden in den UN WOMEN Oasen auch Alphabetisierungs-und Computerkurse angeboten, die das Selbstbewusstsein der Frauen stärken und diese durch gezielte Empowerment- Angebote fit für den Arbeitsmarkt nach dem Konflikt in ihrem Heimatland machen. Nur durch solche spezielle Programme wie die von UN WOMEN ist es möglich, vorherrschende frühe Kinderehen und wachsende Prostitution im Lager zu stoppen!

Mag.a Lena Pieber ging in ihren Ausführungen auf die Rolle Jordaniens als Aufnahmeland ein. Mit der Erfahrung der Aufnahme vieler palästinensischer Flüchtlinge in der Vergangenheit, möchte Jordanien auch die syrischen Flüchtlinge in die Bevölkerung eingliedern. Dass dies funktioniert, belegen die Zahlen der in Joradanien niedergelassenen SyrerInnen: nur rund 15-20% von ihnen leben in speziell für sie errichteten Camps, die sich meist in Wüstenebenen befinden, hingegen haben etwa 80% Aufnahme in der Nähe von jordanischen Städten gefunden.Gemeinsam haben alle SyrerInnen in Jordanien, dass der Großteil von ihnen unter der Armutsgrenze lebt und ohne die Unterstützung von UNHCR wohl kaum überleben könnte. Problematisch entwickelt sich momentan auch diese Unterstützung, da die Kriterien von UNHCR immer strenger werden, viele Familien nun mit noch größerem Hunger und Ausweglosigkeit konfrontiert sind, als bisher. Aufgrund dieser Problematik und durch internationalen Druck gestärkt, öffnete Jordanien im Februar 2016 den Arbeitsmarkt auch für syrische Flüchtlinge, welche nun oftmals Arbeiten nachgehen, die bisher von ägyptischen ArbeitsmigrantInnen verrichtet wurden.‎

Franziska Temper, MA, veranschaulichte ihr Thema, Empowering durch Sport, anhand vieler persönlicher (Erfolgs-)Geschichten syrischer Mädchen, die durch Fußballspielen wieder zurück in einen normalen Alltag gefunden haben. Durch Sport können bei den oft traumatisierten Mädchen körperliche und mentale Stärke sowie Selbstbewusstsein gefördert werden; Gesundheit und körperliches Wohlbefinden werden gestärkt. Fast nebenbei werden auch durch Sport Geschlechtsstereotypen aufgebrochen, die Traumabewältigung kann einsetzen und soziale Vernetzung und Inklusion in die neue Umgebung finden statt. So etwa wie bei Lana und Hanan, einem syrischen und einem jordanischen Mädchen, die sich durch das UN WOMEN betriebene Projekt "Empowering Girls and Building Social Cohesion through Sports and Physical Education" kennengelernt haben und seitdem beste Freundinnen sind, obwohl sie vorher keine Berührungspunkte miteinander hatten. Das Fazit von Franziska Temper: „Sport macht Spaß, hilft den tristen Alltag zu vergessen und stärkt die Mädchen physisch wie auch psychisch!"

Mehr über die Geschichte von Lana und Hanan finden Sie übrigens hier.

Unsere Vizepräsidentin, Dr.in Lilly Sucharipa, erzählte von berührenden, persönlichen Treffen mit syrischen Frauen in Za'atari und deren Schicksalen. Allen Frauen war dabei bewusst, wie viel Glück sie haben, durch die von UN WOMEN geschaffenen sicheren Oasen, Möglichkeiten zu erhalten, etwas zu lernen und Arbeit zu bekommen, sichere Zonen zu haben um sich mit anderen Frauen auszutauschen, das Trauma der Flucht für einige, wenige Stunden hinter sich lassen zu können, die Kinder im eigens dafür geschaffenen Kindergarten betreut zu wissen und wieder Struktur und Routine in den Alltag zu bekommen. In den Oasen von UN WOMEN wird den Frauen aber nicht nur mitgegeben, wie sie sich in dieser neuen, unbekannten Umgebung nun ein selbstbestimmtes Leben aufbauen können, sondern auch - durch die dort erlernten Fähigkeiten - ihre Rechte und Möglichkeiten zu erkennen, sich in der Gemeinschaft einzubringen, die eigene Stimme hörbar zu machen und für die eigenen Rechte öffentlich einzutreten. Jeder Arbeitsplatz in der UN WOMEN Oase in Za'atari bietet syrischen Frauen die Möglichkeit, ihr Leben selbstbestimmt in die Hand zu nehmen und es positiv zu gestalten.

 

Ganz im Sinne eines Round Table, stellten die Telinehmerinnen viele interessante Fragen und trugen so zu einer angeregten Diskussion an diesem Abend bei.

 

Über unseren nächsten Round Table im November werden wir Sie natürlich zeitnah informieren!

 

Bitte unterstützen Sie auch weiterhin die Arbeit von UN WOMEN in Za'atari und helfen Sie durch eine kleine Spende, eine 4. Oase für Frauen aufzubauen und das Leben dieser Frauen somit nachhaltig zu verbessern!